Leseprobe

Der Ehering saß fest. Noch einmal versuchte sie, das zerkratzte

Symbol ewiger Treue über Marius’ kräftiges Fingergelenk

zu ziehen. Er ließ es mit derselben kühlen Ruhe geschehen,

mit der er seit jeher auf Probleme reagiert hatte. »Jetzt sei

halt ein bisserl kooperativ, Tiger«, bat sie ihn, ohne wirklich eine

Reaktion zu erwarten. Mitgefühl und Leidenschaft packten diesen

Kerl nur am Rande des Fußballfeldes, wenn seine Jungs um

den Sieg kämpften und er sich hinterher als Erfolgstrainer feiern

lassen konnte. Marius »Tiger« Wild war im regionalen Fußball

eine Größe. Er entfaltete Talente oder faltete sie so zusammen,

bis sie nicht mehr wussten, dass das Runde ins Eckige gehörte. Das musste

sein, denn ob ein Junge jemals die Chance bekommen würde, in der Bundesliga

zu spielen, entschied sich im Grundschulalter. In den frühen

Jahren, in denen Jugendtrainer wie Marius »Tiger« Wild ihre

Macht ausübten. »Vorbei, Tiger, vorbei«, sagte sie und mühte sich

weiter, den Ehering über seinen Finger zu ziehen. Doch selbst

in seinem erbärmlichen Zustand wollte er die Situation bestimmen.

Wenn auch nichts anderes mehr von ihm übrig war als

seine kräftige Hand und der Ehering, den ihm Sabrina vor Jahren

in der Rosenheimer Kirche Heilig Blut an den Finger gesteckt

hatte.

Genervt verdrehte sie die Augen und holte einen Tiegel Vaseline

aus dem Hängeschrank. Das Mittel hatte ihnen schon oft gute

Dienste geleistet. Billiger als Gleitcreme war es obendrein und an

der Kasse des Drogeriemarkts weniger peinlich. »Zwischen uns

lief es doch wie geschmiert«, erinnerte sie ihn an die guten alten

Zeiten, als er noch durch ihre Mitte kam. In der Damentoilette

des Sportstadions, auf dem Beifahrersitz seines Angeberautos

und in ihrem Ehebett. Jetzt nur nicht wehmütig werden!

Sie nahm seine Hand wieder in die ihre und massierte ihm beinahe

zärtlich das Gleitmittel auf den rechten Ringfinger, während

der bis dahin freundliche Sommertag hinter dem Milchglas des

Badezimmerfensters seine Frische aushauchte. Es wurde Abend,

und ihre Nachbarn heizten den Grill an. Sie hatte die Einladung

wieder einmal abgelehnt. In den vergangenen Wochen war ihr

nicht mehr so nach Fleisch. »Außerdem ist mir unser letztes

Rendezvous wichtiger«, sagte sie zu Tigers Hand und versuchte

noch einmal ihr Glück. Doch so sehr sie auch zog, der Ring saß

fest. Sie hätte es mit Spucke versuchen sollen und seinen Finger

in den Mund nehmen, wie früher, wenn sie ihn mit ihrer Zunge

einstimmen wollte, aber ihr grauste vor der Vaseline auf seiner

kalten Haut. Obendrein hatte sie genug von seinen Sperenzchen.

»Jetzt gib das Ding schon her! Hältst doch eh nichts von Treue.«

Ihr bayrischer Dialekt hallte zwischen den blassblauen Fliesen.

Endlich glitt das Schmuckstück auf der Vaselinespur über seinen

kräftigen Knorpel zu ihr. Nur kurz huschte ihr Blick über

die Gravur auf der Innenseite, bevor sie den Ehering auf das rosa

Kunstfaserkleid des Toilettendeckels legte. Ein paar Gramm Gold

waren schließlich auch etwas wert, mindestens ein Paar Fußballschuhe

in Kindergröße. Vielleicht sogar das Modell Adizero F50,

in dem Thomas Müller zum Weltmeister wurde. Tiger hatte sie auch

getragen. Mit einem tiefen Seufzer drückte sie seine rechte Hand

zum Abschied, packte sie in einen 3-Liter-Gefrierbeutel und legte

sie zurück in die kleine geblümte Kühltasche. Sie vermied es, die

Stelle zu berühren, an der die Hand vom Körper getrennt worden

war. »Servus, Tiger!« Sie schloss den Deckel mit dem Reißverschluss.

Es war höchste Zeit. Der Wildpark würde gleich schließen,

und die Schweine waren bestimmt schon hungrig…